Schweden 2017

Zuerst noch ein wenig Deutschland:

Am 30. April 2017, starten wir von Zuhause aus bei 2 Grad und nehmen den Zug von Horb bis Lübeck, mit vier Mal umsteigen. Dort werden wir von unseren Freunden Claudia und Micha herzlich empfangen. Noch am selben Tag und am Tag darauf schauen wir uns diese sehr interessante und schöne Hansestadt an. Kaum zu glauben was es alles zu sehen gibt: 7 Kirchen, deren Wahrzeichen von Lübeck die Kirchtürme sind (St. Marien und der Dom), den Marzipanhersteller Niederegger mit Museum und Kostprobe inbegriffen, das Rathaus mit Ratskeller, wahnsinnig viele kleine Gänge welche in Wohneinheiten in zweiter Reihe münden.

kleiner Gang zu den Häusern in zweiter Reihe

kleiner Gang zu den Häusern in zweiter Reihe

Am Hafen liegen imposante Zweimaster, alte Salz- und Marzipanspeicher aus rotem Backstein…. Wir sind den ganzen Tag auf Städtetour. Schön, dass wir von Claudia und Micha lecker bekocht werden. Diesen Luxus werden wir so schnell nicht wieder haben.

mit Claudia und Micha in Lübeck

mit Claudia und Micha in Lübeck

Am 2. Mai geht es dann mit den Rädern los. Micha radelt mit uns nach Travemünde, wo wir uns zum Abschied noch ein leckeres Fischweckle gönnen. Dort am Stand erfahren wir gleich mal etwas interessantes über Krabben, die dieser Händler nicht mehr in seinem Programm hat.

„Da die Ostsee nicht salzig genug sei, würden die Krabben in der Nordsee gefangen und gleich tiefgefroren nach Gibraltar gebracht. Dort würden sie umgeladen und nach Marokko gebracht, wo sie gepult würden. Weiter ginge die Fahrt zurück nach Gibraltar, wo sie leicht radioaktiv bestrahlt würden, um sie keimfrei zu machen. Nach ca. 10 Tagen würden diese gepulten Krabben als frische Krabben an der Ostsee verkauft.“  Na ja – guten Appetit!

In Travemünde nehmen wir die Fähre nach Priwall und sind kurz darauf in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Ostseefernradweg, der paralell zur See auf dem ehemaligen Panzerweg, entlang führt. Es gibt da nicht viel, nur ein paar Höfe, da ja hier früher die Grenze verlief. Wir haben einen Gastgeber in Wismar (warmshowers), so dass wir dort auf jeden Fall ankommen wollen. Es ist relativ kühl und regnerisch und für den ersten Radlertag haben wir uns etwas zu viel vorgenommen. Nach 85 km erreichen wir zwar Wismar, doch Martin hat nun Knieprobleme. Wismar ist eine schöne kleine Hansestadt mit alten Fachwerkhäusern. Wir verbringen einen netten Abend mit Justin und radeln tags darauf weiter zur Hansestadt Rostock. Auf dem Weg dorthin liegen einige reetgedeckte Häuser direkt an der blauen See und den knallig gelbblühenden Rapsfeldern. Auch in Rostock haben wir eine Unterkunft, bei warmshowers-Mitglied Dennis, der uns die imposante alte Werft am Hafen zeigt und uns am nächsten Morgen zum Fährterminal begleitet. Dort wartet schon die „Huckleberry Finn“ auf uns. Nach ca. 5 Stunden auf rauer See, die Gischt spritzt immer wieder bis zum 6. Deck hoch, kommen wir in Trelleborg an.

Hej Hej!

Diese schwedischen Begrüßungsworte begleiten uns, wie ein Mantra, täglich von morgens bis abends. Doch auch der Wind begrüßt uns, und das am ersten Tag mit Windstärken um die 40 km/h, durch den wir uns kämpfen müssen. Kurzzeitig entsteht der Wunsch in die andere Richtung zu radeln, aber da ist nur Wasser….Wir wollen zunächst den Radweg entlang der schwedischen Südküste bis Karlshamn nehmen. Wir finden am ersten Abend früh einen geschützten Platz in einem kleinen Wäldchen, wo wir unser Zelt aufbauen und unseren Benzinkocher einweihen können. Die folgenden dreieinhalb Radlertage bis Karlshamn legen wir dann auf dem Sydostleden Nr. 2 zurück, der uns aber auch im weiteren Verlauf bis nach Växjö bringt. Die schwedische Küste begeistert uns weit mehr als die auf der deutschen Seite. Wir radeln durch Pinienwälder, kleine Städtchen mit den typischen schwedischen Holzhäusern, dann wieder durch überschaubare Obstplantagen, vorbei an knorrigen alten Bäumen und ausladenden Stranddünen. Nicht zu vergessen die vielen Birkenwälder, die man bei uns Zuhause kaum sieht. Abends gönnen wir uns ein „Öl“ (schwedisches Leichtbier aus dem Supermarkt) um die Mineralien in uns wieder herzustellen.

ein klasse Platz zum zelten

ein klasse Platz zum zelten

Die Wälder sind wunderschön, dunkelgrüne Moose wechseln sich mit hellgrünen dicken Flechten ab, die beim Gehen unter den Füßen quietschen. Es könnte wärmer sein, doch immerhin haben wir zwei tolle sonnige Tage mit Temperaturen bis zeitweise 25 Grad. Doch danach sinkt es wieder auf 10 Grad Höchsttemperatur ab. Zweimal suchten wir gar Schutz unter Bäumen vor üblem Graupelschauer.

Was fällt uns in den ersten Tagen besonders auf? Schweden ist sehr sauber. Es liegt so gut wie kein Abfall herum. Auch keine Zigarettenkippen, da fast niemand raucht. Die Gärten sind irre gepflegt, und über den Rasen fahren ohne Unterbrechung elektrische Mähroboter. Die Holzhäuser sind schön hergerichtet und fast in jedem findet sich eine Nachtlampe auf dem Fensterbrett. Es ist sehr ruhig, auch in den Städten, doch dies liegt vielleicht am kalten Wetter.

Nach Karlshamn radeln wir auf dem Sydostleden 2 nach Norden bis Växjö, einer stillgelegten Eisenbahnstrecke. Der Bodenbelag wechselt zwischen Asphalt und kleinen Kieseln mit Sand.

schöne Reethäuser in Schweden

schöne Reethäuser in Schweden

Nach einer eisigen Nacht – Zelt, Räder und Wiese sind mit einer weißen Schicht überzogen –  finden wir in Växjö den warmshower Gastgeber, Pieter, der uns nach fünf Nächten im Zelt herzlich empfängt und uns ein warmes Zimmer überlässt. Wir werden von ihm und seiner Tochter bekocht und wir unternehmen einen schönen Spaziergang zum See. Auch erfahren wir einiges über Land und Leute. So auch über die schwedischen Läden in denen man Alkohol kaufen kann. Hier eine Zusammenfassung von Wikipedia:

Systembolaget ist ein staatliches Unternehmen in Schweden, das ein Monopol auf den Einzelhandel von Getränken mit einem Alkoholgehalt von mehr als 3,5 Volumenprozent hat. Das Unternehmen dient als Instrument der staatlichen Alkoholpolitik und verfolgt das Ziel, den Alkoholkonsum in Schweden einzudämmen. Die Grundidee für die Einführung war, dass sich ein Unternehmen ohne Gewinninteresse leichter verschiedener Kontrollinstrumente, wie z. B. der Rationierung, bedienen kann.“ Weiteres siehe Systembolaget

Was in den Supermärkten jedoch in allerlei Arten angeboten wird sind die Snus, die in der EU verboten sind. Es handelt sich hier um Tabak der in Form von „Teebeuteln“ zwischen Zahn und Backe gesteckt wird. So wird dort jede Menge Nikotin freigesetzt. Dazu mehr: Snus

Nach Växjö geht es auf kleinen Landstraßen weiter, entlang durch ruhige Wälder und einigen schönen Seen. Es ist sehr hügelig, doch wir schwitzen kaum, da es immer noch selten über 10 Grad warm wird. Dafür gibt es zur Zeit keine Mosquitos!

Bereits am 7. Tag in Schweden sehen wir unsere erste Elchkuh – Juhuu! Sie steht auf einer Wiese am Waldrand und grast. Als wir den Foto zücken wollen schlendert sie in den Wald und weg ist sie. Was für ein schlacksiger Gang.

Um uns aufzuwärmen verbringen wir viel Zeit in den Bibliotheken, also den Büchereien, denn dort können wir auch kostenlos ins Internet. Ansonsten ist es noch in den Kirchen sehr warm. Diese unterscheiden sich völlig von den unseren. Es gibt Sitzecken mit Spielsachen für Kinder darin und Garderobe. Die Kirchenglocken befinden sich meist außerhalb der Kirche in einem bis zu 50 m hohen holzernen Glockenturm.

Günstiges Essen bekommt man mittags in den Pizzerien und anderen Lokalen. Wir hatten einmal einen Mittagstisch (Salat, große Pizza, Getränk, Kaffee) für 8 Euro. Ein anderes Mal 2 Pizzen für zusammen 9 Euro. Die Schweden essen üblicherweise gegen 17 Uhr und mittags sind die Lokale ziemlich leer.

Es bewährt sich auf den kleinen Landstraßen oder abgelegenen Fahrradwegen weiter zu fahren. Wir sehen tolle Seen, manche sind aufgrund des Torf- Moorgehalts rabenschwarz, andere schillern uns blau durch die noch sehr kahlen Bäume entgegen. Einen super Zeltplatz haben wir auf der Insel Torpon direkt am klaren Wasser unter alten Kieferbäumen. Die Insel erreicht man über eine kleine Brücke, verlassen wird sie mittels einer kleinen Fähre, welche jede Stunde fährt.

unser Zeltplatz auf der Insel Torpon

unser Zeltplatz auf der Insel Torpon

Auf diesen ruhigen Wegen sehen wir auch täglich Wild – Hasen und Rehe. Vor Altvidaberg stoßen wir auf eine richtige Rehquelle, die das Herz eines jeden Jägers höher schlagen lassen würde. Wir sehen dort an einem Morgen viele Rehgruppen, mit bis zu 30 Rehen. Überschlagen kommen wir auf gut hundert Rehe, die im Tal unter uns grasen, liegen oder sich an einem kleinen Bach tränken.

Wir schlafen in dieser Nacht auf einer Lichtung und hoffen auf Elchbesuch, da wir glauben entsprechende Spuren gesichtet zu haben. Doch es gestaltet sich anders. Kaum ist Martin eingeschlafen, hört Agnès wie sich eine Wildschweinfamilie um das Zelt tummelt und dort laut grunzend den Boden umwühlt. Martins Schlafgeräusche mischen sich mit dem Sound der wilden Tiere, er bekommt rein gar nichts mit. Am nächsten Morgen kann er doch wenigstens die aufgewühlte Erde sehen.

Größere Orte sind selten, oft stehen einfach die kleinen meist rotbraun gestrichenen Holzhäuser, mit ihren schwedischen Fahnen am Fahnenmast, in der Nähe der Wege. Davor reihen sich buntbemalte Briefkästen, manchmal bis zu 15 Stück. Wie wir beobachten wirft der Postbote die Briefe direkt vom Autofenster aus in die Briefkästen. Das Lenkrad befindet sich in diesen Wägen auf der rechten Seite. Ganz schön clever.

Essen die Schweden anders als wir? Im Supermarkt kaufen wir Brot welches mit Äpfeln oder mit Preiselbeeren durchsetzt ist, sogenanntes Lingon Grova Brot. Da drauf kann man als Brotaufstrich den Inhalt einer der vielen Tuben schmieren, zum Beispiel Käse mit Garnelen. Das hatten wir mal zum Frühstück.

im Supermarkt - Knäckebrot

im Supermarkt – Knäckebrot

Oder Makrele in einer Sauce, die nach Spekulatius schmeckt. Feeling wie an Weihnachten.

Klar haben wir auch Köttbullar mehrmals gehabt. Das sind einfach gewürzte Hackfleischbällchen. Da stehen die Schweden drauf!

Klasse sind die süßen Stückchen, die man am besten in großer Menge kauft um Rabatt zu bekommen, oder Peppakaka oder Tigerkaka….

Viele Gerichte (Erbsensuppe, Linsen, …) oder Marmelade wird in Plastikschläuchen verkauft. Für uns Radler nicht schlecht, denn wir sparen Gewicht.

Letztendlich besuchen wir dann auch einen Systembolaget und stellen fest, dass die Auswahl an alkoholischen Getränken riesig ist. Belgische starke Biere, reines deutsches Pils, dunkle irische Biere, und so weiter, es gibt alles. Auch viele Weine aus allen Herren Ländern. Die Verkäufer sind gut geschult und sie kennen sich aus. Allerdings schließen diese Läden Samstags um 14 Uhr und wenn man kurzfristig eine Party planen will — Pech gehabt.

Ansonsten haben fast alle Supermärkte und Läden in den Städten auch am Wochenende offen.

So genug von Trinken und Essen. Etwas besonderes ist die alte Holzkirche von Tunaberg von 1700. Im Innern gleich sie in Form und Bemalung einem alten Schiff. So etwas haben wir noch nie gesehen.

Holzkirche Tunaberg 1700

Holzkirche Tunaberg 1700

Mitte Mai erreichen wir dann wieder die Küste und es wird wärmer – 20 Grad sind nun schon mal drin – doch ein kühler Wind weht immer. Die Schweden wurden uns vor unserer Fahrt als etwas reservierter „Stamm“ beschrieben. Wir machen andere Erfahrungen. Immer wieder suchen sie das Gespräch mit uns. Sie sind interessiert wohin unsere Reise gehen wird und woher wir kommen. Alles kein Problem, da sehr viele Englisch reden.

Auf schönen Radwegen, über Holzstege entlang eines Sees, erreichen wir die ersten Vororte von Stockholm, der Hauptstadt Schwedens. Dort freuen wir uns auf den Warmshower-Gastgeber Pierre, der sich mit acht Freunden zusammentat. Sie kauften sich gemeinsam eine wunderschöne Villa. Wie wir erfahren herrscht im Großraum Stockholm extreme Wohnungsnot, was die Preise für Wohnraum in schwindelerregende Höhen trieb und weiter treibt. Mietwohnungen sind gefragt und teuer. Auch ist es in Stockholm nahezu unmöglich einen unbefristeten Mietvertrag zu bekommen. Meist muss man nach 1 Jahr wieder umziehen. Es gibt kommunale Wartelisten für Mietwohnungen, doch die Wartezeiten betragen derzeit mindestens 10 Jahre, bis zu 15 Jahre in einem Vorort (Innenstadt bis zu 20 Jahre). Auch kann man sich nicht genau die Wohnung aussuchen die man haben will, sondern eben nur die, die einem von der Kommune angeboten wird – sozialistische Planwirtschaft!

Wir konnten dies kaum glauben, dachten wir hätten es falsch verstanden, doch hörten dies immer wieder von verschiedenen Schweden. Eine Recherche im Internet ergab. Es ist katastrophal in Stockholm eine Wohnung zu finden. Besser ist es etwas eigenes zu besitzen.

Der Zuzug nach Stockholm ist immens. Angeblich will das Land dort Wohnraum für eine Million Personen schaffen.

Stockholm - Blick auf das Alte Rathaus

Stockholm – Blick auf das Alte Rathaus

Wir wohnen insgesamt 4 Nächte bei Stockholm und besichtigen ausgiebig diese schöne Stadt mit den vielen Inseln und dem vielen Wasser. Wir lassen uns von der malerischen Altstadt mit den bunten Häusern und engen Gassen bezaubern, besuchen das alte Rathaus, welches aus 5 Millionen roten Ziegelsteinen erbaut wurde, radeln über kleine Inseln, erkunden die Gegend um den königlichen Palast und die endlos wirkenden Fußgängerzonen und Shopping-Malls.

Ein Höhepunkt ist freilich das Vasa Museum. Dort liegt das Vasa Kriegsschiff, welches im Jahr 1628 vor Stockholm bei seiner Jungfernfahrt bereits nach 1.500 Metern (!) gesunken ist. Das Wrack wurde nach 333 Jahren 1961 aus 30 m Tiefe geborgen. Es wurde 17 Jahre lang restauriert und besitzt prachtvoll geschnitzte Skulpturen und Ornamente, zu 98 Prozent aus Originalteilen. Das Museum bietet auch Einblicke in das Leben der Besatzung und auch in das Leben der Menschen im 17. Jhd.

Wir waren jedenfalls fasziniert und haben alles ausgiebig besichtigt. Ob wir dies vor 10 Jahren getan hätten ist fraglich, denn damals wurde das Schiff zuerst mit Meerwasser und später mit Wasser und Wachs besprüht um es zu konservieren. Die Besucher bekamen Regenmäntel und Gummistiefel verpasst.

Am Montag, den 22. Mai nehmen wir Abschied von Stockholm, radeln um 05.00 Uhr in der Frühe durch die Stadt und nehmen die Fähre „Baltic Princess“ nach Turku in Finnland. Die 12-stündige Fahrt verläuft ruhig und auf dem großen Kahn mit seinen 10 Decks gibt es einiges zu entdecken.

Die frühe Uhrzeit macht uns nichts aus, denn um 5 Uhr ist es längst hell und die Sonne hat schon in unser Zimmer gescheint. Irgendwie haben die Schweden keine Rollläden. Wir checken auch mal die Sonnenaufgang (4:02 Uhr) und Sonnenuntergangszeiten (21:29 Uhr) – das sind doch glatt 2 Stunden mehr Tageslicht als derzeit Zuhause. (5:56 / 21:06).

Geradelte Kilometer in Deutschland: 191 km

Geradelte Kilometer in Schweden: 1.069 km