Finnland 2017

Finnland – Anteeksi, en ymmärtänyt sitä. (Entschuldigung ich habe sie nicht verstanden!)

Am 22. Mai 2017, nach 11-stündiger Fahrt (zuzüglich einer Stunde Zeitverschiebung), spukt uns die Baltic Princess in Turku wohlbehalten aus.

Fähre vor Stockholm

Fähre vor Stockholm

Für uns ist finnisch wie eine Geheimsprache. Wir verstehen nichts – nada! Die Begrüßung geht ja noch. „Hei“, das können wir noch. Doch gleich bei unserer Ankunft in Turku heißt das Wort „Dom“ dann „tuomiokirkko“. Wie sollen wir uns so was merken?

Wir haben uns in dieser ehemaligen Hauptstadt Finnlands eine Warmshower-Übernachtungsmöglichkeit organisiert, bei Stefan einem Journalisten – er spricht super englisch und deutsch. Wir werden von ihm herzlich empfangen und bei Bier und Chips plaudern wir noch bis spät in die Nacht. Wir haben herrlichen Sonnenschein und radeln am nächsten Morgen los.
Der Dom von Turku, das Hauptgotteshaus der evangelischen-lutherischen Kirche Finnlands, ist schnell besichtigt, im Zentrum stehen ein paar ältere Holzhäuser, aber ansonsten gibt es für uns nicht viel zu erkunden. Die berühmte Burg haben wir schon tags zuvor bei unserer Ankunft gesehen.
Ab Turku nehmen wir die „Ochsenstraße“ (Hämeen Härkätie), ein über 1000 Jahre alter Handels- und Pilgerweg – auch Teil des Jakobswegs -, der bis nach Hämeenlinna, rund 200 km in östliche Richtung führt.

Die Route führt teils auf dem engen Seitenstreifen der Hauptstraße entlang, oft gibt es schöne Radwege. Bei Tshirt-Wetter picknicken wir am Ufer eines klaren Sees und vespern leckeres dunkles Brot (Retkieväs oder Ruisleipäpalat) , mit Fischaufstrich aus der Tube, verschiedenen Käse und meist noch etwas Süßes. An das finnische Hartbrot, das mit Fischstücken gefüllt ist und so verkauft wird, haben wir uns noch nicht gewagt.

Kalakukko, in Brot gebackener Fisch

Kalakukko, in Brot gebackener Fisch

Bier steht derzeit nicht sehr hoch bei uns im Kurs, denn eine Dose vom billigsten Bier, 0,3 Liter, kostet im Supermarkt rund einen Euro. Aber es gibt auch Dosen bis zu 3 Euro. Härtere alkoholische Getränke kauft man hier im „Alko“, wo man eine prima Auswahl hätte, wenn man es sich leisten würde. Der billigste Wein kostet 7 Euro (0,75 l) und der billigste Vodka 20 Euro/l.

Wir radeln durch unendlich Wälder, dazwischen sehen wir auch viele landwirtschaftliche Betriebe. Was da so angebaut wird, kann man nicht erkennen, denn Ende Mai sehen wir lediglich einen Hauch von Grün. Beeren, wie Erdbeeren und Johannisbeeren, werden auch gerne im größeren Stil angebaut, doch bis die reifen müssen sie noch einen ordentlichen Zahn zulegen.
Anfang Juni blühen die Osterglocken, die Tulpen gehen gerade auf und die Maiglöckchen sind noch völlig grün. Wie hier wohl Osterglocken und Maiglöckchen genannt werden? fragen wir uns.

In den Städten gibt es nicht viel anzuschauen. Sie haben kein gemütliches Stadtzentrum wie wir es kennen, sondern bestehen im Großen und Ganzen aus Einkaufsmöglichkeiten. Doch uns ist die Natur sowieso wichtiger und wir steuern die Saimaa Seenplatte im Osten an. Laut Reiseführer und Karte führt die Straße über etliche Brücken und Landzungen durch ausgedehnte Seelandschaft, der sogenannten 4 km langen „scenic road“, bei blauem Himmel und warmem Wetter ein Traum. Diese wurde von 70.000 arbeitslosen Finnen über die 6 Inseln, Kiesmoränen aus der Eiszeit, gebaut. Doch leider erwischt es uns eiskalt, denn bei den Seen fällt die Temperatur von 13 auf 5 Grad und es nieselt, die Sicht ist schlecht. Nach einer Stunde Nieselregen, entdecken wir einen Kiosk, der nicht geöffnet ist (wer sollte bei dem Wetter da auch Kunde sein?) und unter dessen Vordach wir unser Zelt, noch vor der „scenic road“ im Trockenen aufbauen. Am nächsten Tag beradeln wir dann diese wunderschöne Landschaft und staunen über die unüberschaubare Seelandschaft.

Zeltplatz bei Heinola

Zeltplatz bei Heinola

Salvolinna, ein größerer Ort auf unserer Strecke, wartet mit seiner mittelalterlichen Burg auf uns. Sie liegt malerisch am Ufer eines Sees und soll die schönste Burg Finnlands sein. Von hier aus befahren wir auf der alten Landstraße die zweite „scenic road“, die uns über verschiedene Höhenzüge, durch rote Kiefernbestände, tolle Einblicke in diese blau leuchtende Seelandschaft bietet. Es ist auf der gesamten Strecke wenig los, keine Touristen, nur ab und zu ein Motorradfahrer.

Wir passieren einen Laden aus dem wir nicht ganz schlau werden. Es sollte hier erwähnt werden, dass englisch sprachige Hinweise nirgends vorhanden sind und wir kein Wort finnisch reden können, da rein gar nichts an eine Sprache erinnert die wir kennen. Doch der Laden interessiert uns und wir schauen hinein. Es handelt sich um einen Fischladen, eine Fischräucherei und Verkauf von Fischködern in einem. Die nette Verkäuferin kann Englisch und als wir das Sortiment betrachten, bietet sie uns rohen, eingelegten, in dünne Scheiben geschnittenen Lachs zum probieren an. Schmeckt prima! Wir entscheiden uns für eine dicke mit Pfeffer und Gewürzen frisch geräucherte Scheibe Lachs, die wir uns zum Abendessen gönnen. Was für ein super Geschmack!

Am 30. Mai ist früh morgens das Zelt vereist, die Wiese vor uns ist leicht weiß. Doch es wird im Laufe des Tages wärmer und um die Mittagszeit machen wir ein Feuer und grillen Rote Würste am See. Wir sind nun 17 km von der russischen Grenze entfernt.

Rote Wurst bei Tohmaiervi

Rote Wurst bei Tohmaiervi

Wir besorgen uns unser Trinkwasser indem wir an Häusern klingeln und unsere Flaschen auffüllen lassen. So entsteht weniger Plastikmüll und wir kommen in Kontakt mit der Bevölkerung. So erfahren wir von einem finnischen Waldarbeiter, dass in der Nähe die sogenannten Salpalinya verlaufen. Dies sind brusthohe Granitfelsen, die die Bevölkerung zum Schutz gegen russische Panzer auf eine Länge von 1.200 km in Viererreihen, im Abstand von einem Meter, in den Boden eingegraben hat. Was für eine Arbeit – unvorstellbar! Auch seien in dieser Gegend viele Bomben abgeworfen worden, wobei wohl noch einige in den vielen Seen liegen würden.

In Eno regnet es mal wieder und wir machen Mittag in einem kleinen Lokal, das an eine Kantine erinnert. Viele Bauarbeiter mit ihren orangeroten Anzügen nehmen hier für 8,50 Euro ein Mittagsbuffet zu sich. Zu diesem Preis kann man sich über das Salatbuffet, zwei warme Speisen, Zutaten und Nachtisch hiermachen. Dazu gehört noch Getränk und Kaffee. Die Wirte sind nett, wir können unsere elektrischen Geräte aufladen und ins Internet gehen. Ruckzuck sind 3 Stunden rum und es regnet nicht mehr.

Vor Lieksa wird es richtig ungemütlich. Nachmittags setzt ein starker, eisiger Gegenwind aus Norden ein, der uns regelrecht ausbremst. Die Felder und Wälder stehen zum Teil unter Wasser. Nass ist es überall, doch wir finden ein Stück trockenen Zeltplatz, fast schon in der Stadt, am Rande eines Spielplatzes und kleinen Waldstücks. Am nächsten Tag, nach unserem Besuch im Supermarkt erleben wir ein Wechselbad zwischen Sonne und Schneegraupel, der uns auf die nächsten 70 km ins Gesicht bläst. Gut dass wir an der richtigen Stelle nach Wasser fragen, denn die englisch sprechende Finnin empfiehlt uns einen Rast- und Grillplatz mit Hütten in 10 km Entfernung, auch ein prima Schutz gegen die „Honigschlecker“, deren Namen man in früheren Zeiten nicht aussprechen durfte. Damals herrschte der Glaube, dass die Familie vom Bär heimgesucht wird, wenn man ihn beim Namen nannte.
Hier sitzen wir nun in unserer warmen Grillhütte und schreiben Tagebuch.

Jonkeri Grillhütte

Jonkeri Grillhütte

Gestern Abend kamen noch zwei Finnen mit ihrem Camper an, die uns gleich mal zwei Dosen Sandels-Bier spendierten. Heute, am 2. Juni, wissen wir noch nicht wie es weitergehen soll, denn draußen vor der Hütte tobt ein Schneesturm und wir hätten starken Gegenwind. In Deutschland hat es, sagt man uns, derzeit 34 Grad!
Unser Trinkwasser wird knapp und das Wasser aus dem See und dem Fluss wollen wir nicht trinken, denn wegen des Hochwassers werden allerlei Schadstoffe transportiert.

Also machen wir uns nach dem Frühstück im Schneegraupel auf Wasserbeschaffungstour. Wir radeln 7 km bis wir ein bewohntes Anwesen entdecken. Nachdem wir an die Holzhütte klopfen öffnet uns ein älterer Herr, der uns den Brunnen im Garten zeigt, aus dem wir in traditioneller Art mit Eimer und Seil unser Trinkwasser schöpfen. Nun wollen wir ihm noch Nudeln, Spagetti oder ähnliches abkaufen, aber entweder versteht er uns nicht oder er hat wirklich nicht viel essbares in der Hütte. Nach einigem kruschteln kommt er mit einer Packung Pilzsuppenpulver zurück, die er uns mit auf den Weg gibt. Gut dass wir noch Brot, Aufstriche und Haferflocken haben und die Suppe gibt es noch dazu.

Wir bleiben also noch eine Nacht an diesem schönen Platz, relaxen und lesen viel, bevor wir am nächsten Morgen in Richtung Kuhmo radeln. Das Wetter ist wie bei uns im April – ein Wechselbad zwischen Schnee und Sonne.

In Kuhmo selbst kaufen wir ein und essen gleich im Supermarkt zu Mittag. Da steht nämlich im wärmeren Eingangsbereich eine Bank, die wir die nächste Stunde in Beschlag nehmen.

Wir entscheiden uns aufgrund des Wetters wieder mehr nach Westen zu radeln. Bei Sotkamo sehen wir nahe der Straße mehrere Holzhäuser/Blockhütten, die sich noch im Bau befinden. Während wir sie anschauen kommen die Besitzer und Bauherren zu uns, um mit uns zu plaudern. Heiki erklärt uns die Konstruktionen, erzählt über die ursprüngliche Bauweise – z. B. Birkenrinde als Dachbedeckung hält 100 Jahre – und über die in Finnland gängige Forstwirtschaft. Junge Bäume werden viel zu früh gefällt und es gibt so gut wie keinen alten Bestand mehr.

Heikis Meisterwerke

Für eine Lagerhütte mit zwei Räumen hat er siebzig 60-jährige Kiefern (etwa 200 Stammteile) gebraucht.

Urwälder gibt es laut Reiseführer nur noch zu 5 Prozent, doch unendlich erscheinen uns die Wälder, die wir nach Sotkamo durchradeln, bevor wir mehr in hügeliges Gebiet vorstoßen. Die ersten Skigebiete sind ausgeschildert und die Hügel erinnern uns an den Schwarzwald oder das Allgäu. Später wechselt die Landschaft zu Moor und Sumpf. Moskitos – es soll viele verschiedene Arten geben – haben wir trotzdem absolut keine, denn für diese Quälgeister ist es noch zu frisch. Sie wimmeln als Larven noch in den Tümpeln herum.

Bislang haben wir in Finnland, ganz anders als in Schweden noch kaum wildlebende Tiere gesehen. Einmal einen Fuchs und mehrere Hasen. Das wars.

Vor Ranua sehen unsere ersten Rentiere – Juhuu – und ab hier sehen wir sie täglich! Entweder in kleinen Gruppen oder auch einzeln. Desöfteren ist ein Minikalb dabei, das sich dicht bei seiner Mutter aufhält. Uns gelingen einige superschöne Tierfotos!

Leider haben die Rens einen nicht so natürlichen Feind, das Auto. So gibt es in Finnland jedes Jahr ca. 4.000 Unfälle mit Rentieren. Die Rentiere leben frei in der Landschaft und ziehen wenn die Moskitoplage überhand nimmt nach Norden wo es kühler ist. Die Rens begleiten uns also.

Rentiere am Waldrand

Rentiere am Waldrand

Das Wetter bessert sich ab dem 6. Juni und wir bekommen T-Shirt- und Sandalen-Wetter als wir in Ranua auf dem Campingplatz am See eintreffen. So bleibt es auch die nächsten 2 Wochen.

Am 7. Juni kommen wir nach Lappland (Lappi), der nördlichsten und größten Provinz, dessen Hauptstadt Rovaniemi ist und wo wir das Arktikum besuchen. Themen die über den Alltag in der Arktis, vom Leben nordischer Völker, vom Klimawandel und der Globalisierung handeln, werden sehr anschaulich in englischer Sprache dargestellt. Erstaunlich, wie ein indigenes Volk in den Wintern hier überleben konnten.

wir kommen nach Lappland

wir kommen nach Lappland

Gleichzeitig überradeln wir den Breitengrad 66.34.00 und damit den Polarkreis „Arctic Circle“. Ab hier geht die Sonne für uns ab heute, dem 7. Juni, nicht mehr unter. Nördlich dieses Kreises dauert der Tag einen Monat! Wir stellen schnell fest, dass es wirklich „nachts“ taghell ist und man sogar ein Buch lesen kann. Bei sonnigem Wetter wird das Zelt die ganze „Nacht“ bestrahlt.

In Sirkka, dort liegt auch das Skigebiet Levi, wohnen wir eine „Nacht“ bei Otto, einem jungen Fotografen. Er machte tags zuvor für eine Reportage über Goldgräber in Lappland jede Menge schöne Fotos, die er uns zeigte. Manche Goldgräber arbeiten mit schwerem Gerät, wie Bagger, andere mehr als Hobby. Einer wäscht Gold zusammen mit Touristen. Überhaupt werden ab nächstem Winter viele chinesische Touristen erwartet, denn diese wollen die Polarlichter (aurora bolearis) sehen. Dies ist bei den Chinesen hoch im Kurs, vor allem bei frisch verheirateten jungen Pärchen, die einen Kinderwunsch haben. Die Polarlichter, so glauben sie, würden die Fruchtbarkeit erhöhen! Komisch, dass wir durch Gegenden radeln, die kaum besiedelt sind.

Otto, der Mountainbiker, Kletterer und Tourenskifahrer, kann es kaum erwarten nach Norwegen zu reisen, um dort mit Fellen das Tourenskifahren zu genießen. Die Berge bei Sirkka sind zwar auch mit Skiliften übersät, doch der höchste ist nur 718 m hoch und die Abfahrt dürfte kaum mehr als 300 Höhenmeter lang sein. Doch bis es soweit ist, trinken wir mit Otto zusammen einen Chaga-Tee. Chaga ist ein Schmarotzerpilz, der in kälteren Gegenden auf Birken – dem Nationalbaum Finnlands – wächst und sehr gesund für das Immunsystem sein soll. Dieser Pilz könnte auch eine zukünftige große Einnahmequelle für Birkenwaldbesitzer sein, die im großen Stil ihre Bäume damit infizieren.

Chaga Pilz

Chaga Pilz

Wir sind auf jeden Fall überrascht, dass in dieser geringen Höhe noch soviel Schnee im Sommer liegt. Hier sind einfach die klimatischen Verhältnisse extrem und nach wenigen Höhenmetern ändert sich das Klima drastisch.

Ach ja, jeder erzählt uns übrigens, dass der letzte Winter der kälteste und schneereichste seit langem war. Manche meinen seit 1968, andere seit 100 Jahren. Entsprechend hinkt auch der Frühling noch hinterher.

Bei Muonio trennt uns nur ein breiter Fluss vor der schwedischen Grenze im Westen und auch bis nach Norwegen im Norden ist es nicht mehr so weit. 110 Kilometer. Jetzt stellt sich für uns die Frage: Nordkap ja oder nein?

Wir sind gut drauf, bisher prima voran gekommen und das Wetter stimmt auch, so dass wir uns für das Nordkap entscheiden. Bis dorthin sind es noch gut 450 Kilometer. Schon jetzt treffen wir immer mal Radler und Motorradfahrer mit großem Gepäck, deren Ziel das Nordkap ist. Man grüßt sich, man winkt sich zu oder hält ein Schwätzchen, so dass man unweigerlich vom Nordkapfieber gepackt wird.

Am Mittwoch, den 14.6.17 fahren wir über die unbewachte Grenze nach Norwegen.

Mitternachtssonne bei Rovaniemi

Mitternachtssonne bei Rovaniemi